Wörter verstehen

Wenn Kinder sich die Welt der Sprache erobern, dann werden Haus, Bett, Stuhl, Tisch mit ganz bestimmten Gegenständen in ihrer Umwelt, laufen, tanzen, springen mit Tätigkeiten und schön, lieb, bunt usw. mit Erfahrungen und Eindrücken verknüpft. Der Küchentisch ist etwas völlig anderes als der Schreibtisch und der Bildschirm des Computers hat nichts mit dem Bilderbuch gemein.

 

Später lernen Kinder, solche längeren Wörter zu hinterfragen und Gemeinsamkeiten zu entdecken: Küchen- und Schreibtisch sind beides Tische, auch wenn sie völlig verschieden aussehen. Außerdem lernen die Kinder, zusammengesetzte Wörter für die Präzisierung zu nutzen: Die Haustür ist die Tür, die ins Haus führt, und mit der Schranktür wird ein Schrank verschlossen. Der Spielplatz ist ein Platz, auf dem wir spielen können/dürfen. Den Jagdhund nimmt der Jäger mit auf die Jagd. Und sehr viel später erfahren die Kinder, dass der Jägermeister kein Jäger und die Spielbank keine Bank ist.

Lernbereich WZ

Im Lernbereich WZ (Wörter zusammensetzen und zerlegen) geht es darum, die Sprachkompetenz der Kinder weiter zu entwickeln, das Zerlegen von Wörtern für die Rechtschreibung zu nutzen und die Bildung neuer Wörter systematisch zu verinnerlichen (zu verstehen).

Lernbereich AF

Im Lernbereich AF (Ausnahmeschreibungen und Fremdwörter) lernen die Kinder, auch solchen Wörtern auf die Spur zu gehen, in denen einzelne Wortteile zunächst keinen Sinn ergeben – den sogenannten unikalen Morphemen.

Lernbereich SA

In der deutschen Sprache – und hier vor allem in der Schriftsprache – werden Wortbildungen mehr als in jeder anderen Sprache zur Verkürzung von Aussagen genutzt. Die Konstruktion neuer Wörter ist vor allem für Kinder, die in einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind, ein wichtiger Baustein für die flexible und gewandte Nutzung der deutschen Sprache: Mehmet verliebte sich in Christine. Die Verliebtheit von Christine war nicht zu übersehen. Das bereitete Klaus großen Liebeskummer und er konnte ihren liebevollen Umgang miteinander kaum ertragen.

Gemeinsprache,
Fachsprachen

Die Konstruktion und das Verständnis von Wörtern bringen die Sprache auf ein anderes Niveau, erleichtern die Kommunikation. Der Haustürschlüssel oder die Brotbackmaschine machen die Sprache im Alltag flüssiger als der Schlüssel für die Haustür oder die Maschine, mit der man Brot backen kann. In einer Maler- und Lackiererlehre sollte die Feuerschutzanstrichfarbe wie die Kunststoffflächenschleifmaschine zumindest zum passiven Wortschatz gehören.

gehobene Bühnensprache

In der gehobenen Bühnen- und Schriftsprache werden die Nachsilben (Suffixe) zur Variation der Satzkonstruktionen, die Vorsilben (Präfixe) zur Präzisierung und die Wortbildung (Komposition) zur Bereicherung und gleichzeitig zur Verkürzung von Aussagen genutzt.

Kinder aus spracharmer Umgebung

Diese Reichhaltigkeit und Flexibilität der deutschen Sprache bereitet in den weiterführenden Schulen Kindern, die in einem spracharmen Umfeld aufgewachsen sind, Schwierigkeiten beim Verständnis von Texten. Das gilt auch für die gehobene Sprache von Lehrerinnen und Lehrern, die durch Gymnasium und Studium sozialisiert sind. Insofern ist der Lernbereich WZ für viele Kinder ein wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung der Sprachkompetenz, das Verständnis von Texten und für die gesamte schulische Laufbahn.

 

Wenn Kinder sich mit der Wortbildung und dem Zerlegen von Wörtern beschäftigen, werden sie immer wieder auf Wörter stoßen, die (in Einzelteile = Morpheme) zerlegt keinen Sinn ergeben. Es erscheint wichtig, die Kinder schon früh dazu anzuleiten, Wörter, die sie nicht verstehen, zu hinterfragen, den Jägermeister ebenso wie die Spielbank. Diese Neugier wird dann im Lernbereich WZ genutzt, um ein Gespür für die Reichhaltigkeit der Wortbildungen auf der Bedeutungsebene aufzubauen. In der Sprachwissenschaft ist auch heute noch umstritten, wie viele Möglichkeiten der Interpretation von Komposita bestehen, und Versuche, diese zu systematisieren, sind bislang fehlgeschlagen (siehe Eisenberg 2006, S. 226 ff.).

 

Für Kinder wie auch für Erwachsene, die in einer spracharmen Umgebung oder einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind, bereitet vor allem die Veränderung der Wortbedeutung im Kontext große Schwierigkeiten.

Die Fischfrau


Das Beispiel stammt von
Heringer (1984);
zitiert nach Lupsan (2008).

Ist die Fischfrau eine Frau, die Fisch verkauft (1), die Frau eines Fisches (2), eine Frau, die Fisch isst (3), vielleicht auch eine Frau in einer Fischfabrik (4), die Fisch verarbeitet? Im Märchen kann es auch eine Frau sein, die von einem Fisch abstammt (5) oder mit einem Fisch verheiratet (6) oder gleichzeitig Frau und Fisch (7) ist. Oder ist es lediglich eine Frau, die im Sternbild der Fische (8) geboren wurde, eine Frau, die kühl wie ein Fisch (9) ist, eine Frau, die wie ein Fisch aussieht (10) oder nach Fisch riecht (11)? Oder ist es vielleicht doch die Frau, die den Fisch verkauft (12) oder nach Hause liefert (13)?

Förderung der Sprachkompetenz

In der Rechtschreibwerkstatt werden in den verschiedenen Lernbereichen die Sprachkompetenzen der Kinder weiterentwickelt und das Wort- und Satzverständnis thematisiert:

 

Lernbereiche

Sprachkompetenz

Sprachverständnis

LB

deutliches Sprechen

Wortbedeutungen

LD

hochdeutsche Aussprache

LV

silbenweises Sprechen

WA, WU

Endungen

Wortbedeutungen im Satz

WZ

Wortbildung

SA, SZ, SW

korrekte Sätze bilden

Wörter und Sätze im Kontext betrachten

 

Zunächst lernen die Kinder, ihnen nicht bekannte Wörter zu hinterfragen. Neben der Wortbildung werden im Lernbereich WZ die zusammengesetzten Wörter auch in ihren lexikalisch vorrangigen Bedeutungen erfasst und unbekannte Wortteile hinterfragt. In den Lernbereichen WU und SA werden die Wörter in ihren Bedeutungen im Satz- bzw. Textzusammenhang betrachtet.

Sprach-
wissenschaften

In den Sprachwissenschaften spielen die unikalen Morpheme nur eine untergeordnete Rolle. Die mit ihnen gebildeten Wörter unterliegen den gleichen Wortbildungsprinzipien wie andere zusammengesetzte Wörter. In den meisten Grammatikbüchern findet man die Begriffe Scheinwörter, Pseudowörter oder unikale Morpheme im Index gar nicht oder es sind ihnen nur kurze Abschnitte gewidmet. Eine erschöpfende Auflistung von mit unikalen Morphemen zusammengesetzten Wörtern fehlt im deutschen Sprachraum ganz. Die hier vorgestellte Liste ist ein erster Versuch einer solchen Zusammenstellung.

Geschichten von Graf Ortho

Die Geschichten von Graf Ortho zu den Lernbereichen und einzelnen Wörtern dienen dazu, Kinder neugierig zu machen und unbekannte Wörter zu hinterfragen: Wieso schmettert der Schmetterling? Was hat die Birne mit der Birne zu tun? Warum haben wir nicht am Freitag, sondern am Sonntag frei?

Geschichten
Wörter

Sind Kinder neugierig, dann wird ihnen eine Reihe von Wörtern auffallen, die auch zerlegt keinen Sinn ergeben: Aschenputtel – Was bedeutet puttel(n)? Ebenso: Bollwerk, Buchsbaum, glimpflich, klitzeklein, niedlich usw. Genauso werden neugierige Kinder sich durch einzelne Wortteile nicht so leicht auf eine falsche Fährte locken lassen und stattdessen Fragen stellen: Ist das Geschlecht schlecht und der Naseweis weise? Ist das Elfenbein das Bein der Elfen und pfeift der Pfifferling?

Liste der Wörter mit
unikalen Morphemen

Die Erläuterungen auf den Wörterseiten zu den unikalen Morphemen sollen es Kindern erleichtern, Antworten auf solche Fragen zu finden. Es wurde versucht, dies möglichst „kindgerecht“ aufzubereiten. Für Lehrerinnen und Lehrer wurden auf den einzelnen Wörterseiten häufig weitere Informationen zu Herkunft und Entstehung aufgenommen. Diese sind durch einen Querbalken und eine kleinere Schriftgröße von der Beschreibung für die Kinder abgegrenzt.

Nicht nur für schlaue Kinder

Das Hinterfragen der Wortbedeutungen kann vor allem – aber nicht nur – für Kinder mit guter Sprachkompetenz eine interessante Herausforderung sein. Für diese Kinder stellen die Wörtergeschichten von Graf Ortho ein gutes Nachschlagewerk dar. Im gemeinsamen Unterricht können aber auch andere Kinder von dieser Kompetenz profitieren. Kinder mit Schwierigkeiten beim Lernen oder mit einer geistigen Behinderung stellen – sobald in ihnen die Neugier geweckt wurde – nicht selten Fragen zu den Bedeutungen von Wörtern, die für andere Kinder selbstverständlich sind. Erst solche Fragen machen auf Ungereimtheiten aufmerksam.

Bockwurst

Beispiel aus einer Unterrichtsbeobachtung: Die Kinder kennen den Ausdruck ich habe keinen Bock im Sinne von ich habe keine Lust. Die schlaue Frage eines vermeintlich gar nicht so schlauen Kindes Hat die Bockwurst keine Lust? hat andere Kinder erst auf die Idee gebracht, dieses für sie selbstverständliche Wort zu hinterfragen und die Bedeutung nachzuschlagen.

 

In die Liste der Wörter mit möglichen unikalen Morphemen wurden daher auch solche Wörter (Wortteile) aufgenommen, die zwar keine unikalen Morpheme im engeren Sinne sind, die aber Kindern als solche erscheinen.

 

nächstes Wort

Copyright Graf Ortho 2013 - 2021