Als unikale Morpheme im engeren Sinne werden nur Wortteile (Morpheme) eines zusammengesetzten Wortes der Gegenwartssprache bezeichnet, wenn

  1. dieses Wortteil nicht isoliert und
  2. auch nicht in anderen Wortzusammensetzungen vorkommt.

Es ist nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob in einem Wort diese beiden genannten Kriterien erfüllt sind. Bislang fehlt im deutschsprachigen Raum eine (erschöpfende) Liste unikaler Morpheme. Die hier vorgestellte Zusammenstellung ist ein erster Versuch, eine solche Liste zu erstellen. Dabei sind die gelegentlich subjektiven Einschätzungen durchaus diskussionswürdig.

Häufig ist ein unikales Morphem nur mit dem Wissen um die sprachgeschichtliche Herkunft des Wortteils zu bestimmen. In den Worterklärungen sind daher entsprechende Hinweise enthalten.

 

Auf den Wörterseiten habe ich jeweils oben rechts meine Einschätzung der Morpheme gekennzeichnet:

unikales Morphem 

Echte unikale Morpheme; beide o. g. Bedingungen werden erfüllt.

kein unikales Morphem 

Morpheme, die nicht die beiden o. g. Bedingungen erfüllen. Wörter mit solchen Wortteilen wurden nur dann aufgenommen, wenn das Vorkommen des betreffenden Morphems in anderen Wörtern für Kinder nicht leicht zu durchschauen ist.

unklar 

Morpheme, die den strengen Kriterien zwar nicht genügen, aber dennoch unikal sind.
Schreibgleiche, aber bedeutungsverschiedene Morpheme.
Morpheme, bei denen ich keine sichere Entscheidung treffen konnte.
Morpheme, die aus Regionalsprachen abgeleitet sind und nicht in die allgemeinen Hochsprache übernommen wurden.
Morpheme, die aus heute noch gebräuchlichen Fremdwörtern abgeleitet sind.

Kreis-gelb-weiss

Wortteile, die auf einen Namen zurückgeführt werden können, werden nicht als unikale Morpheme gekennzeichnet, auch dann nicht, wenn dieses Wortteil in keinem anderen Wort vorkommt.

 

Ein fehlender Kreis bedeutet, dass ein Wort noch nicht abschließend bearbeitet wurde.

 

Beispiele für die Kennzeichnung von unikalen Morphemen:

unikales Morphem 

Brombeere – Was ist in diesem Zusammenhang Brom? Dieses Morphem kommt nicht eigenständig (1) und auch nur in dieser Wortzusammensetzung (2) vor.

unikales Morphem 

begehren Was ist gehren? Das Morphem gehr kommt nicht eigenständig vor (1). Es kommt allerdings in begehrlich vor. Dies ist jedoch keine neue Wortbildung mit dem Morphem gehr (2), sondern eine Wortbildung mit begehr(en). Daher habe ich den Wortteil gehr als unikales Morphem gekennzeichnet und in der Beschreibung als Ableitungswort begehrlich aufgenommen.

unikales Morphem 

hämisch – Was ist häm ? Dieses Morphem kommt nicht eigenständig vor (1). Allerdings kann hämisch nicht auf Häme zurückgeführt werden, da vielmehr das Wort Häme ein viel später (20. Jh.) erst entstandenes Nomen zu hämisch (13. Jh.) ist, ursprünglich zu mhd. hem = boshaft. Ich habe Wortteile wie häm dennoch als unikale Morpheme gekennzeichnet, wenn sie (später) lediglich für die Umsetzung in eine andere Wortart genutzt werden. Solche Umsetzungen sind in den Beschreibungen als Ableitungen gekennzeichnet.

unikales Morphem 

Genosse  – Was ist nosse ?  Das Morphem noss kommt nicht  eigenständig (1) und auch nur in dieser Wortzusammensetzung (2) vor. Der Genosse wird etymologisch auf genießen zurückgeführt. Im Perfekt ist der Ablaut noch erhalten (genießen, genoss). Dieser Zusammenhang ist  heute jedoch nicht mehr offensichtlich. Wenn  ein Zusammenhang wie dieser auch in Wörterbüchern (z. B.  Augst 1998) nicht mehr hergestellt wird, habe ich  den betreffenden Wortteil als unikales Morphem gekennzeichnet.

unikales Morphem 

Mädchen – Was ist Mäd? Dieses Morphem kommt nicht eigenständig vor (1). Das Wort ist die Verkleinerungsform von Magd. Es kommt in Mädel vor (2), daher ist mäd streng genommen kein unikales Morphem. Wenn der betreffende Wortteil (hier: mäd) aber nur in einer einzigen weiteren Wortbildung mit gleicher Bedeutung vorkommt, habe ich ihn dennoch in einigen wenigen Fällen dafür entschieden, dieses Morphem als unikales Morphem einzuordnen.

unikales Morphem 

Hoffart – Was ist fart ? Dieses Morphem ist auf mhd. varn zurückzuführen, hat also den gleichen Ursprung wie das Wort fahren. Allerdings ist hier die alte Schreibung erhalten geblieben, sodass ein Zusammenhang heute nicht mehr zu erkennen ist. In Fällen wie diesem habe ich den betreffenden Wortteil als unikales Morphem gekennzeichnet.

kein unikales Morphem 

Der gleiche Zusammenhang besteht auch bei Wohlfahrt . Da hier aber eine rechtschriftliche Anpassung (Dehnungs-h) erfolgt ist, habe ich den Wortteil fahrt in dieser Zusammensetzung nicht als unikales Morphem gekennzeichnet, da das Morphem fahr in vielen anderen Wortbildungen und Ableitungen vorkommt (2).

kein unikales Morphem 

barmherzig – Was ist barm ? Dieses Morphem kommt nicht eigenständig vor (1). Es kommt jedoch in erbarmen vor (2), daher ist barm weder in barmherzig noch in erbarmen ein unikales Morphem.

kein unikales Morphem 

ungefähr – Was ist fähr? Dieses Morphem kommt nicht eigenständig vor (1). Die alte Bedeutung Abweichungen sind ohne böse Absicht ist von ahd. fāra = Hinterlist abgeleitet. Dieses althochdeutsche Wort kommt auch in Gefahr (ahd. gevāre) und in der Ableitung gefährlich vor. Diese Zusammenhänge sind heute jedoch nicht mehr durchschaubar. Ist nun fähr ein unikales Morphem? In Fällen wie diesem habe ich mich dafür entschieden, den betreffenden Wortteil (hier: fähr) nicht als unikales Morphem zu werten, wenn er genauso auch in anderen zusammengesetzten Wörtern (hier: gefährlich) vorkommt.

kein unikales Morphem 

Mätzchen – Was ist Mätz ? Dieses Morphem kommt nicht eigenständig vor (1). Es wird zurückgeführt auf Matz, die Koseform von Mathias. Das Morphem matz wiederum kommt in anderen Wortzusammensetzungen wie z. B. Piepmatz oder Hosenmatz vor (2). Ähnlich wie bei Arm und Ärmel oder Haus und Häuser ist das Morphem mätz eine„bedeutungs- und funktionsgleiche Variante“ des Morphems matz.(sie bilden zwei Allomorphe zu einem Morphem).
Wenn sich zwei Morpheme nur in der Umlautung unterscheiden, habe ich beide Morpheme als nicht unikal eingeordnet.

kein unikales Morphem 

Andacht - Was ist dacht ? Das Morphem kommt nicht eigenständig vor (1). Das Morphem dacht ist vom Verb denken abgeleitet (Partizip Perfekt = gedacht; Präteritum Indikativ = dachte; Präteritum Konjunktiv = dächte). Ähnlich wie bei matz und mätz so können auch Morpheme, die sich nur im Ablaut von einem bedeutungs- oder funktionsgleichen anderen Morphem unterscheiden, als Allomorphe (s. o.) betrachtet werden. Ich habe mich in solchen Fällen vor allem dann dafür entschieden, die Morpheme nicht als unikal einzuordnen, wenn die Ablautvariante in Ableitungen vorkommt, z. B. im Partizip Perfekt.

unklar 

begnügenEinerseits: Das Morphem gnüg kommt im heutigen Sprachgebrauch nicht isoliert (1) und in dieser Bedeutung auch in keinen anderen Wortbildungen (2) vor. Demnach ist es ein unikales Morphem. Andererseits: Das Morphem gnüg ist eine Verkürzung von genüg (siehe genügen) und dies wiederum eine Ableitung mit Umlautbildung von genug. Hierzu gibt es viele Wortbildungen. Das Wort genügen setzt sich wie das Wort genug aus den gebundenen Morphemen ge und nüg (bzw. nug) und en zusammen. Demnach ist gnüg kein universales Morphem. Für mich ist unklar, wie die Verkürzung von ge zu g einzuschätzen ist. Soll hier von zwei gebundenen Morphemen (g und nug) oder nur von einem Morphem (gnug) ausgegangen werden. Bei solchen Zweifelsfällen habe ich das Morphem als unklar markiert und der Gruppe sonstige zugeordnet.

unklar 

PappmascheeEinerseits kommt maschee in der deutschen Gegenwartssprache nicht isoliert und auch in keiner weiteren Wortbildung vor. Andererseits ist das  Wort maschee aus dem Französischen entlehnt, also ein Fremdwort, das nicht in die Analyse der unikalen Morpheme einbezogen wird. In die Gruppe sonstige habe ich auch jene Wörter aufgenommen, die aus einem deutschen und einem Fremdwort zusammengesetzt sind.

unklar 

FaschingDas Wort ist auf das mittelhochdeutsche vasc = fasten zurückzuführen. Einerseits kommt das Morphem fasch nicht isoliert und auch nicht in anderen Zusammensetzungen vor. Es ist demnach unikal. Andererseits ist dieses Wort aus der bayerischen Regionalsprache abgeleitet und hauptsächlich im süddeutschen Raum und Österreich verbreitet Solche lokalen Sprachvarianten habe ich vorläufig der Gruppe sonstige zugeordnet.

Kreis-gelb-weiss

SchrebergartenWas ist ein Schreber? Dieses Wortteil kommt nicht isoliert vor (1). Namensgeber ist der deutsche Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber.

Kreis-gelb-weiss

Portwein – Was ist in diesem Zusammenhang Port? Dieses Morphem steht für den Eigennamen der portugiesischen Hafenstadt Porto. Es kommt nicht eigenständig (1) und auch nur in dieser Wortzusammensetzung (2) vor. Solche Eigennamen habe ich grundsätzlich in einer eigenen Kategorie erfasst.

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